Flair statt Verspätungen
370 Dampflok-Fans auf Sonntagsausflug in Rheinsberg

RHEINSBERG. Stilles Anschleichen ist ihre Sache nicht: 52-8177 hat noch nicht das Rheinsberger Ortsschild passiert, da recken die Wartenden am Bahnsteig bereits die Hälse. Ein Pfiff, am Horizont türmt sich weißer Rauch: Die Dampflok kommt.
Schnaufend zieht 52-8177 acht Personenwaggons in den Bahnhof. Ein Zischen an den Türen, 370 Passagiere strömen auf den Bahnsteig. Sie haben ihr Ziel erreicht und bewundern jetzt die bedeutendste Sehenswürdigkeit des Sonntagsausfluges: ihr eigenes Transportmittel.
So einmalig die Fahrt im Dampfkoloss für die Passagiere ist - in Rheinsberg ist ihre Ankunft fast schon in den jährlichen Bahnfahrplan eingetaktet. Mitglieder des Vereins "Berliner Dampflokfreunde" steuern die 52er-Lok alle Jahre wieder in die Prinzenstadt; sehr zur Freude von Udo Blankenburger, dem Vorsitzenden der "Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof": "Bei solchen Reisen geht es einfach ums Flair. Die Bahn selbst bietet das - Rheinsberg auch."
Die örtlichen Dampffreunde stellen das Ziel, die Berliner die Lok, die Nürnberger Traditionszugfreunde die historischen Waggons: Eine bundesweite Aktionsgruppe, die da für Dampf auf Ruppiner Gleisen sorgt. Unkompliziert sei die Organisation nicht, gibt Blankenburger gern zu: "Man braucht Freunde, um dieses Hobby zu bezahlen." Knappe 300 000 Euro kostet die alle acht Jahre fällige Untersuchung für 52-8177 und die Deutsche ahn ist nicht so selbstlos veranlagt, dass sie Strecken kostenlos vermietet.
Die Fans murren kaum über die teureren Tickets - vor allem dann, wenn sie wie Sven Lehmann kostenlos zu dem Vergnügen kommen. Gemeinsam mit Sohn Bruno wollte der Meißener im Sommer mit der Dampflok an die Ostsee: "Aber dank der Waldbrandgefahr wurde aus der Dampf- eine Diesellok. Den Stift hat es nicht gestört; ich wollte mein Geld zurück." Es wurde ein Gutschein für eine Fahrt nach Rheinsberg daraus. Sven Lehmann kauft Flair, keine Reise: "Was die Faszination ist? Technik, Kindheitserinnerungen; irgendwie alles. Wer das nicht kennt, versteht es nicht.
Tobias Felsch
(MAZ (Ruppiner Tageblatt), 2003-12-08)

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