Verliebt in die Eisenbahn
Rheinsberger Verein setzt längst vergangener Schienentechnik ein Denkmal im alten Lokschuppen

RHEINSBERG. Unter ihnen sind Lokführer, Polizisten, Elektriker, Fahrdienstleiter, Zugführer, Streckenmeister, Bundeswehrangehörige und Schüler. Eines ist den Männern und Frauen gemein, die sich heute wie an jedem Dienstagnachmittag im alten Lokschuppen am Rheinsberger Bahnhof versammelt haben. Sie sind verliebt in alles, was auf Bahnschienen fährt. Insbesondere die sonst kaum noch oder schon längst nicht mehr genutzte alte Technik hat es ihnen angetan.
Begonnen hatte alles am 24. Juni 1997. Damals gründete sich der Verein Rheinsberger Bahnhof. Der Vorsitzende Udo Blankenburger erinnert sich: "Die Idee war damals bei Volkmar Hilbert und Christian Carstens entstanden." Der inzwischen verstorbene Hilbert leitete den Verein mehrere Jahre. Auch Christian Carstens, der als Vorsitzender des damaligen Wirtschaftsfördervereins Rheinsberg dessen Mitglieder zu Spenden für den neuen Bahnhofsverein motivierte, lebt nicht mehr. Nach seinem Tod wurde er zum Ehrenbürger der Stadt ernannt.
38 Fans von Loks und Technik zählt der Bahnhofsverein inzwischen. Zwei Drittel sind Männer. Carsten Hacke ist 15 Jahre alt und damit der Jüngste im Verein, Richard Erdmann mit 77 der Älteste.
An die erste eigene Modelleisenbahn unterm Weihnachtsbaum erinnern sich viele Erwachsene noch nach Jahrzehnten. Ein bisschen Wehmut und Verklärung schwingen mit, so wie stets, wenn Bilder aus Kindertagen ohne Nachdenken im Jetzt ankommen: Damals ist die Welt noch in Ordnung gewesen. Ist es jene Suche nach der guten, heilen Welt, die die Rheinsberger Eisenbahnfreunde Woche für Woche zusammenführt? Vielleicht ein wenig. Im Vordergrund stehen aber andere Motive.
Carsten Hacke, der Jüngste, beschreibt, was ihn zu den Bahnfreunden führte: "Die Eisenbahn hat mich von klein auf interessiert. Durch einen Zufall habe ich mir mit einem Kumpel mal den alten Lokschuppen angeschaut. Damals war ich zwölf Jahre alt. Seitdem arbeite ich im Verein mit. Es ist schon etwas Besonderes, daran mitzuwirken, wenn alte Sachen wieder schön werden." Die Bahn soll für ihn bald mehr als ein Hobby sein: "Ich werde mich bei der Bahn AG oder der Prignitzer Eisenbahn bewerben, um Gleisbauer oder Industriemechaniker zu werden."
In der Obhut des Vereins entwickelte sich der alte Lokschuppen zum Eisenbahn- Museum. Schautafeln an den Wänden berichten von der Geschichte des Rheinsberger Bahnhofs, aber auch von der Betriebsbahn zum Kernkraftwerk. Alte Loks und Waggons stehen auf den Gleisen. Viele Jahrzehnte haben sie auf dem Buckel. Doch sie wirken, als hätten sie eben erst die Fabrik verlassen. Noch gehört der Schuppen der Deutschen Bahn AG. Doch sie benötigt ihn längst nicht mehr. Udo Blankenburger ist bester Hoffnung, dass die langwierigen Kaufverhandlungen bis zum Monatsende zu einem glücklichen Abschluss kommen.
Am ersten Septemberwochenende jedes Jahres lädt der Verein alle Interessierten zum großen Bahnhofsfest ein. Die Besucher staunen dann über den Zustand der Loks und Waggons. Und sie können sich eine per Hand zu bedienende Fahrkartendruck-Maschine anschauen. Noch vor 20 Jahren gab es so etwas in fast jedem Bahnhof. Inzwischen ist das gute Stück zur Rarität geworden, ebenso wie die mehrfarbigen Papp-Fahrkarten, die längst durch blasse und dünne Computer-Ausdrucke ersetzt wurden.
Die meisten Fahrzeuge und Wagen haben die Eisenbahnfreunde zum Schrottpreis erworben. Umso erstaunlicher ist es, dass die 1935 gebaute Kleinlokomotive, die schon in die Schrottpresse sollte, fast wie neu aussieht. Und auch der Schienenkleinwagen mit Kran hatte längere Zeit ungenutzt gestanden, ehe ihn die Rheinsberger holten und restaurierten. Genau genommen sind es längst nicht nur Prinzenstädter, die im Verein mitmischen. Denn die Mitglieder kommen auch aus Neuruppin, Vogelsang, selbst aus dem belgischen Raeren.
Besonders stolz sind die Rheinsberger Bahnfreunde darauf, dass zu ihrer Sammlung auch ein echter Castor- Waggon aus DDR-Zeiten gehört. Er wird wahrscheinlich noch an das Kernkraftwerk erinnern, wenn es längst komplett abgebaut ist.
Zurzeit restaurieren die Bahnfans eine Fernsprech-Meldestelle, die zwischen Herzberg und Grieben stand. Sie besteht aus drei Wänden und einem Dach. Gerade so groß, dass der Lokführer sich unterstellen kann, um das Streckentelefon zu bedienen. In Zeiten drahtloser Kommunikation haben solche Anlagen ausgedient. Die Bahnfans sorgen dafür, dass sie nicht vergessen werden.
Viel hat sich der Bahnhofsverein für die kommenden Jahre vorgenommen. In Zusammenarbeit mit den Berliner Dampflok-Freunden wollen die Rheinsberger auch künftig dafür sorgen, dass Anfang September und in der Vorweihnachtszeit an jeweils einem Wochenende Dampfzüge als Attraktion zwischen Rheinsberg und Berlin verkehren. Ohne Touristen bliebe Rheinsberg zwar die interessante Architektur, das Schloss, Seen, Wälder und die Krähenberge mit ihren für Brandenburg nahezu gigantischen 117 Metern. Doch es sind erst die Besucher, mit denen die Prinzenstadt vollauf zu leben beginnt. Rheinsberg entwickelt sich seit der Wende wieder zu dem, was es war, ehe die Pseudokommunisten Westberlin ummauerten: zum wohl beliebtesten Ausflugsziel der Berliner. Ein "Zahnrad im Rheinsberger Kulturgetriebe" nennt Udo Blankenburger den Verein bescheiden. Wer selbst sehen will, was die Bahnfans jeden Dienstag ab 15 Uhr so treiben, kann sie im alten Lokschuppen auf dem Bahnhofsgelände besuchen. Vielleicht wird mehr daraus. Mal sehen.
Holger Rudolph
(Ruppiner Anzeiger, 2004-01-03)

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