Im Blaumann zum Lokschuppen
Das MAZ-Porträt: die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof e.V.

RHEINSBERG. Am 18. Mai 1899 um 7.27 Uhr fuhr der erste Zug vom Rheinsberger Bahnhof ab. Das 100-jährige Jubiläum des Anschlusses der Kronprinzenstadt an die Löwenberger Eisenbahnstrecke vor sechs Jahren blieb nicht ungefeiert. 1997 gründete sich die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof e.V., um den Streckengeburtstag vorzubereiten.
Heute sind die Bahnhofsfeste ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Längst schon geht es nicht mehr nur um Feste und Feierlichkeiten, sondern um das Erhalten historischer Eisenbahntechnik und Bahnhofsgeschichte. "Regelrecht vergewaltigt werden die alten Bahnhöfe heute", so Vereinschef Udo Blankenburger. "Wir sind in der Region die Letzten, die noch einen richtig kompletten Bahnhof mit Bahnhofsgebäude, Lokschuppen, Weichen, Stellwerk, Wasserkran, Gleisen und Nebengebäuden haben."
Im Lokschuppen - dem Domizil des Bahnhofsvereins - klebt dicker Ruß an der Decke, es riecht nach Schmieröl und schwerer Technik, eine Motorsäge aus den 30er Jahren kämpft sich minutenlang durch einen Schienenstrang. An alten Werkbänken, die sich an den Wänden aneinander reihen, arbeiten die Vereinsmitglieder historische Eisenbahntechnik auf: Bohrmaschinen mit Riemengetriebe von 1910, Schienensägen mit Hand- und Motorbetrieb, Handschwellenbohrer, Schienenschleifgeräte und vieles mehr. Alles funktioniert. Wer dienstags zwischen 15 und 18 Uhr im Lokschuppen am Bahnhof vorbeischaut, kann bei der Arbeit zuschauen und sich durch das lebendige technische Museum führen lassen. Ein Schienenkleinwagen mit Kran erhält gerade den letzten gelben Anstrich für das bevorstehende Bahnhofsfest. Zum Schrottpreis hat der Verein das Baufahrzeug gekauft. Bis zu acht Eisenbahner fuhren damit zu ihren Einsatzorten.
In Arbeit ist ein Flachwagen, der Schwellen und Schienen beförderte. Auch Schlafwagen für die Bauzugleute hat sich der Verein sichern können. Vier Betten, ein Kühlschrank, ein Herd - so nahmen einst die Bahnarbeiter ihr Lager von einem Streckenabschnitt zum anderen mit. Eine aus den 30er Jahren stammende Rangierlokomotive der Firma Ohrenstein und Koppel machte der Verein ebenfalls flott. Mit dem Rheinsberger Castor-Waggon besitzt er ein Unikat der Bahngeschichte. Alte Signale, Schilder, Schranken, selbst die guten Pappfahrkarten gehören zur Sammlung. Die technisch weniger versierten Vereinsmitglieder kümmern sich um die Gebäude und Außenanlagen, um die Geschichte der Bahn und deren Präsentation.
Uta Bartsch
(MAZ, 2005-08-23)

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