Staatsbesuch in der U-Bahn
Zur Übergabe des alten Waggons kam Ex-Bundespräsident Walter Scheel

RHEINSBERG. Ein Tieflader, ein riesiger Kranwagen, ein paar Verrückte und ein großer Berg Bürokratie: Mehr braucht man nicht, um die U-Bahn nach Rheinsberg zu holen. Jürgen Graf, Ehrenbürger der Prinzenstadt, hat das gemacht - und offensichtlich große Wellen geschlagen. Am Freitagnachmittag hievte der Kran das honiggelbe Vehikel auf die Wiese neben das Rheinsberger Eisenbahnmuseum. Keine 24 Stunden später stößt Walter Scheel, Bundespräsident a.D., mit Sekt auf das Schmuckstück an. Wie Jürgen Graf das nun wieder geschafft hat, ist ein Rätsel. All die Redner beobachtet der 87-jährige Politiker von der Bank aus. "Ein Tag der Überraschungen" ist es für Rheinsbergs Ehrenbürger Jürgen Graf. Er hatte die Idee, den U-Bahn-Wagen nach Rheinsberg zu holen und damit den Bestand des Eisenbahnmuseums zu bereichern. "Da muss der Wagen hin", entschied er damals.
1927 wurde der Waggon in Dessau gebaut. Mit der Wagennummer 115 gehört er zum Typ B2 Großprofilwagen. Bis in die 80er Jahre fuhr der Waggon auf zwei Berliner Nord-Süd-Linien, heute die U6 Alt-Tegel - Alt-Mariendorf und U8 Wittenau - Hermannstraße. Nach seiner Dienstzeit stand der Wagen als Caféwaggon am Mercedes-Benz Standort am Salzufer. Dort warteten Brigitte Mira, Harald Juhnke und eben auch Jürgen Graf bei einer Tasse Kaffee auf den Autoverkäufer, der Kaufvertrag und Papiere holte. Mit dem Bau der Mercedes-Welt im Jahr 2000 wurde der Waggon in Folie verpackt und verschwand im Nutzfahrzeug-Standort von Mercedes-Benz in Tempelhof. Die Mercedes-Niederlassung verschenkte die U-Bahn - und übernahm obendrein zwei Drittel der Transportkosten.
Zweimal fünf dicke Betonplatten tragen das Vehikel. Das hat keine Fahrgestelle mehr, aber dicke schwarze Lettern zeigen noch die Endstation an: „Salzufer". Dass die U-Bahn mit Rheinsberg eigentlich nichts zu tun hat, stört die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof nicht. „Es ist eine Kuriosität", sagt der Vorsitzende Udo Blankenburger. Das passe gut hinein ins Kuriositäten-Kabinett des Museums. Einen Castor-Transportwagen gibt es schon. Rheinsbergs Bürgermeister Manfred Richter gibt indes zu, dass er lieber eine U-Bahn-Station eröffnet hätte. „Vielleicht fangen wir nun an zu graben." Walter Scheel nahm nebst Gattin Barbara als erster Platz auf den polierten roten Ledersitzen der U-Bahn. Der Rheinsberger Norbert Gast holte den Leierkasten und entlockte Scheel "Hoch, auf dem gelben Wagen." Anfang 1974 hatte der damalige Außenminister das Volkslied zugunsten wohltätiger Zwecke gesungen.
Juliane Felsch
(MAZ, 2006-09-18)

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