Ein gelbes Sorgenkind
Wind und Wetter setzen dem historischen U-Bahn-Wagen in Rheinsberg zu

1927 wurde der Rheinsberger U-Bahn-Wagen gebaut, bis 1973 fuhr er. Anschließend wurden darin Mercedes-Autos verkauft, unter anderem an Harald Juhnke und Brigitte Mira.
RHEINSBERG. Die Faszination kommt innen. Sie geht von den Holzwänden und den Kunstledersitzen aus, von den angeklebten Original-U-Bahn-Plänen am Fenster. Dicke Linien zeigen das Westberliner U-Bahn-Netz, mittendrin sind Bahnhöfe ausgekreuzt. „Bahnhöfe, an denen die Züge nicht halten", heißt es bürokratisch-nüchtern in der Legende - es waren die Geisterbahnhöfe auf Ostberliner Gebiet, die die U-Bahnen ohne Halt durchfuhren. Der alte U-Bahnwagen auf dem Rheinsberger Bahnhof hat eine Menge Geschichte hinter sich - aber erst die vergangenen Jahre haben ihm wirklich zugesetzt. Die Farbe blättert ab, eine Seite wurde vor kurzem Opfer von Grafitti-Sprayern und ist nur notdürftig übergestrichen worden. „Wir müssen an dem Wagen etwas machen", sagt Udo Blankenburger. Er ist Vorsitzender des Fördervereins Rheinsberger Bahnhof, dem der U-Bahn-Wagen gehört. „Aber das lohnt sich nicht, bevor das Dach nicht steht."
Gebaut wurde der alte Wagen 1927, er ist ein Steuerwagen für die U-Bahnzüge, mit einem Steuerstand für Fahrer und Schaffner vorn. Bis 1973 rollte er durch die wechselvolle-Geschichte Berlins, zuletzt für die Westberliner BVG. Dann wurde er ausgemustert und stand zur Verschrottung an. Die Berliner Mercedeswelt übernahm ihn, allerdings ohne Drehgestelle und Räder. In den aufgebockten Wagenkasten ließ Mercedes viele kleine und einen etwas größeren Tisch einbauen. Dort wurden die Verkaufsverträge für neue Autos unterschrieben, unter anderem mit den Promis der 70er und 80er Jahre. Sie durften auf einer noch erhaltenen Gäste-Tafel unterschreiben. Darunter waren Susanne und Harald Juhnke und Brigitte Mira. 2006, bei einer Umgestaltung der Mercedeswelt, sollte der Wagen verschwinden. Jürgen Graf, Ex-ARD-Journalist und Rheinsberger Ehrenbürger, vermittelte ihn an den Bahnhofsverein. Zur Eröffnung kam sogar Altbundespräsident Walter Scheel nach Rheinsberg und sang „Hoch auf dem gelben Wagen". Ein Foto davon hängt im Wagen.
Wind und Wetter war der Wagen vor seiner Rheinsberger Zeit aber nie wirklich ausgesetzt. Fuhr er auf oberirdischen Strecken der U-Bahn, trocknete der Fahrtwind den Regen, erzählt Udo Blankenburger. Bei Mercedes stand er in einer Halle. Nun aber setzt die Feuchtigkeit der Farbe zu, gerade rund um die Türen ist sie schon abgeplatzt. Deswegen plant der Bahnhofsverein seit vergangenem Jahr den Bau eines Schutzdachs. Dafür hat er alte Metallsäulen und Dachträger der Berliner S-Bahn-Station Ostkreuz besorgt (die MAZ berichtete).
Aus ihnen allerdings wieder ein Dach zu machen, kostet Geld. 5000 Euro werden allein für die Baugenehmigung und die statischen Berechnungen dafür fällig. Weitere 5000 würden der Aufbau und die Dachkonstruktion kosten, schätzt Udo Blankenburger. „Für uns ist das schwierig zu machen", sagt der Vereinsvorsitzende. Der Verein lebt von Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Sponsoren. Udo Blankenburger hofft auf das Bahnhofsfest am kommenden Wochenende. Dort will der Verein verstärkt um Spenden und Sponsoren werben.

Talkrunden auf dem Bahnhofsgelände
Der Rheinsberger Ehrenbürger Jürgen Graf hatte den U-Bahn-Wagen an den Bahnhofsverein vermittelt. Bis zu seinem Tod 2007 veranstaltete er darin Talkrunden.
Heute vermietet der Verein den Wagen gelegentlich für Feiern. Er achtet aber darauf, dass er nicht beschädigt wird. Dank einer Elektroheizung ist der Wagen auch im Winter nutzbar.
Carsten Schäfer
(MAZ, 2011-9-20)

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