Presseartikel 2016
MAZ, 29.09.16
Technikperlen beim Bahnhofsfest
Rheinsberg. Was für eine Schau. Eisenbahnfreunde zog es am Wochenende wieder zum 19. Bahnhofsfest. Die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof hatte eingeladen und auch diesmal waren viele gekommen. Es gab Gelegenheit, die alten Gleise in Richtung Kernkraftwerk zu befahren - hier pendelte ein Schienenbus, die „Ferkeltaxe" - oder die Möglichkeit zur Fahrt auf einer Draisine. Feuerwehrleute zeigten, wie schnell sie einen Böschungsbrand löschen können. Von der Hebebühne war der Blick auf das gesamte Bahnhofsgelände grandios. Im Lokschuppen gab es alte Technik zu bestaunen und eine Fotoausstellung. Aus Berlin rollte ein Uerdinger Schienenbus VT 95 an. Dampflokfreunde müssen sich jedoch bis zum Weihnachtsmarkt gedulden, dann soll wieder ein Dampfross nach Rheinsberg kommen.
pg

Ruppiner Anzeiger, 29.09.16
Mit der Ferkeltaxe zum Kernkraftwerk
Die 18. Auflage des Rheinsberger Bahnhofsfestes lockte wieder zahlreiche Besucher an
Rheinsberg (RA) Das zum 18. Mal an diesem Wochenende veranstaltete Rheinsberger Bahnhoffest hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Obwohl das schöne Wetter manchen Besucher davon abhielt, sich der prallen Sonne auszusetzen, lockte das Fest zahlreiche Besucher an.
Udo Blankenburger musste viele Hände schütteln. Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft (AG) Rheinsberger Bahnhof war mit der Resonanz vollauf zufrieden. Wie seit 18 Jahren schon hatten er und die Mitglieder des Vereins die zahlreichen Ausstellungstücke auf dem Bahnhofsgelände auf Hochglanz gewienert und für die zwei Tage in Position gebracht. Neben ganz normalen Besuchern, waren es vor allem Fans alter Eisenbahntechnik, die sehen wollten, welche historischen „Schmuckstücke" der Verein in seinem Museum präsentiert.
Obwohl der zugesagte Triebwagen der Berliner Eisenbahnfreunde mangels eines fehlenden Lokführers nicht nach Rheinsberg kommen konnte, hatten einige Besucher spontan die reguläre Verbindung für einen Ausflug in die Prinzenstadt genutzt. Auch die Fahrten zum Bahnhof „Stechlinsee" am stillgelegten Kernkraftwerk mit einem Triebwagen der Baureihe VT 172, im Volksmund als Ferkeltaxe bekannt, fanden an beiden Tagen statt. Ein Blick in den ehemaligen Lokschuppen, in dem der Verein seine „Schätze" aufbewahrt, war ein Muss für die Technikfans. Neben den Exponaten, zu denen zahlreiche Maschinen zum Vermessen und Bearbeiten der Gleisanlagen sowie Signaltechnik, alte Bahnhofsschilder, Uniformen und selbst Fahrkarten gehörten, konnten im Außenbereich auch einige Züge betrachtet werden. Die Sammlung der Bahnhofs AG umfasst eine Rangierlok, Bauwagen, einen U-Bahn-Wagen aus dem Jahr 1927, einen Unimog auf Schienen und der Waggon, mit denen die Brennelemente zum Kernkraftwerk transportiert wurden.
Mit von der Partie war am Sonnabend auch die Feuerwehr, die das Fest nutzte, um ihre Technik zu zeigen. Vom Hubsteiger der Brandbekämpfer aus konnten schwindelfreie Besucher sich den Bahnhof sowie Teile der Stadt aus der Vogelperspektive ansehen. Wenige Meter weiter konnten die Gäste sich auf zwei Draisinen per Muskelkraft fortbewegen.
Die Vereinsfrauen hatten für das Fest Kuchen gebacken, der reißend Absatz fand. Wer es deftiger wollte, ließ es sich bei der Gulaschkanone oder am Grill gut gehen. Die jüngsten Festteilnehmer amüsierten sich indes beim Kinderschminken oder auf der Hüpfburg. „Ohne die zahlreichen Helfer und unsere Familienangehörigen ist unser kleines und feines Fest kaum zu stemmen", erklärte Udo Blankenburger. Es gab Stände mit Modellbahnbedarf sowie Lektüre rund um die Eisenbahn. Mit Frank Maranius war auch ein ehemaliger Lokführer und Buchautor aus Glienicke-Nordbahn nach Rheinsberg gekommen. Maranius hat unter anderem einen Roman über ein Eisenbahnunglück geschrieben hat, das sich am 29. Januar 2011 ereignete, und bei dem ein Güterzug auf einen Personenzug aufgefahren war. „Es gab zwölf Tote und 45 Schwerverletzte", berichtete der einstige Lokführer.
Beim Bahnhofsfest ging es indes nicht um Katastrophen. Für musikalische Unterhaltung sorgte am Sonnabend die Gruppe „Country Büfett". Die Musiker aus Mecklenburg-Vorpommern mit ihrem Leiter Bertram Bednarzyk, der vor zehn Jahren die Band gegründet hatte, waren zum siebten Mal auf dem Bahnhofsfest vertreten. Aber auch der Auftritt des Blasorchesters aus Rheinsberg, das am Sonntagnachmittag mit zünftigen Klängen das Publikum unterhielt, gehörte zu den Höhepunkten des Traditionsfestes.
Jürgen Rammelt

Gransee Zeitung, 16.06.16
Castor der sozialistischen Art
Arbeitsgemeinschaft Rheinberger Bahnhof besitzt Waggon zum Transport alter Brennstäbe
Rheinsberg. Einmal im Jahr wurden die ausgebrannten Brennstäbe aus dem Rheinsberger Kernkraftwerk (KKW) in die Sowjetunion abtransportiert. Der Waggon dafür ist ein Unikat. Was viele nicht wissen: Er steht heute auf dem Gelände der Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof.
Von der Straße aus ist der Transportwagen kaum zu sehen. Und auch wer direkt davor steht, würde kaum denken, dass es sich um das DDR-Pendant zu den Castorzügen handelt. Denn auf der Ladefläche steht ein großer Trafo. "Das ist zur Tarnung", sagt Gottfried Koch, zweiter Vorsitzender des Vereins. Der vermeintliche Transformator ist nur eine Hülle. Sie ließ sich in der Mitte auseinanderziehen, sodass der Transportbehälter aufgeladen werden konnte. Anschließend wurde dieser unter der wieder zusammengeschobenen Hülle verborgen. Allein der Container für die Brennelemente wog 120 Tonnen. Um das Gewicht so zu verteilen, dass der Transporter stabil bleibt, verfügt er über zwölf Achsen. Auf jeder lastete ein Druck von 18 Tonnen. Mit Container wog der gesamte Wagen 200 Tonnen. Einmal im Jahr fuhr er von Rheinsberg über Polen in die Sowjetunion. Auf insgesamt 23 Fahrten wurden 672 Brennstäbe abtransportiert. Wohin, wisse niemand, meint Koch. „Wir nehmen an, dass der Atommüll hinterm Ural gelandet ist." Weil in Russland die Abstände zwischen den Schienen acht Zentimeter größer sind als hierzulande, können die Räder von Normal- auf Breitspur umgestellt werden. Da die Fahrt zehn Tage dauerte, wurde für die Mitarbeiter ein Begleitwagen hergestellt. „Er war so ausgelegt, dass bei einer Außentemperatur von 40 Grad unter Null drinnen noch 20 Grad herrschten", so Koch. Der Wagen musste während der gesamten Fahrt autark versorgt werden. Die Eisenbahnfreunde haben noch alte Unterlagen, in denen dem Hersteller die Anforderungen für den Transportwagen und das Begleitfahrzeug geschildert werden. Beinahe wäre der Transportwagen der Nachwelt nicht erhalten geblieben. Er war im Ruhrgebiet, wo er zerlegt werden sollte. Zum Teil war er bereits demontiert. Im letzten Moment sicherten sich die Energiewerke Nord (EWN), die den Rückbau des Kernkraftwerks betreiben, das Unikat. „Die Leute von der EWN sagten: ,Ihr habt ja ein Eisenbahnmuseum.' Also sponserten sie uns Farbe und den Transport des Wagens. Seit 2001 steht er nun hier", so Koch.
Die wenigsten Passanten wissen, welch gefährliche Fracht unter der Fassade des Trafo-Aufbaus transportiert wurde. Und nur wenige Menschen bewahren und vermitteln noch das Wissen aus diesem Kapitel der Rheinsberger Geschichte. Wer mehr dazu wissen möchte, kann im Eisenbahnmuseum vorbeischauen.
Brian Kehnscherper