Presseartikel 2002
MAZ (Ruppiner Tageblatt), 12.7.02
Castor auf dem Abstellgleis
Rheinsberger Eisenbahnfreunde bauen am Bahnhof mit eigener Technik um
RHEINSBERG. Die Mitglieder Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof scheuen weder Mühen noch Kosten, wenn es um ihr Hobby geht. Besonders stolz sind die ehemaligen Eisenbahner auf ihre umfangreiche Sammlung, die, im ehemaligen Lokschuppen aufbewahrt, immer wieder Zuwachs erhält.
Als jüngstes Exponat in der Rheinsberger Eisenbahn-Sammlung konnte ein so genannter Schienenkleinwagen erworben werden. Das Fahrzeug, das unter anderem von Reparaturtrupps der Bahn benutzt wird, ist noch betriebsbereit. Die Ladefläche des gelben Fahrzeuges ist mit einem Kran ausgestattet, mit dessen Hilfe sogar Lasten gehoben werden können. Der dieselbetriebene Motor springt problemlos an, sodass die Rheinsberger Eisenbahnfreunde bei Bedarf ihren Schienenkleinwagen auch einmal als Zugmaschine einsetzen können, um einen Waggon zu versetzen. "Die finanziellen Mittel für den Kauf des Kleinwagens hat uns noch Christian Carstens besorgt. Eigentlich kommt das Geld ja von Jürgen Graf, aber ohne die Vermittlung von Herrn Carstens wäre manches nicht möglich gewesen", erzählt der Vorsitzende der Rheinsberger Arbeitsgemeinschaft.
Er und alle Mitglieder sind erschüttert über den plötzlichen Tod ihres Unterstützers. "Nach dem Ableben unseres ehemaligen Vorsitzenden Volkmar Hilbert trifft es uns jetzt ein zweites Mal", bringt Blankenburger seine Trauer zum Ausdruck. Die Mitglieder des Vereins sehen es als eine Verpflichtung an, im Sinne der Verstorbenen weiterzumachen.
So stand am vergangenen Sonnabend ein Arbeitseinsatz auf dem Programm, bei dem den Vereinsmitgliedern alles abverlangt wurde. Es ging darum, eine Verbindung zwischen zwei Gleisen herzustellen. Die wurde gebraucht, um den ehemaligen Castortransportwagen aus dem Kernkraftwerk Rheinsberg endgültig aufs Abstellgleis transportieren zu können.
Nachdem bereits in den Tagen davor die Vorarbeiten liefen, war das Werk am Mittag vollbracht. Jetzt steht der Spezialwaggon mit dem trafoähnlichen Tarn-Aufbau gemeinsam mit einem Werkstattwagen auf einem Gleisstück am Rande des Bahnhofs. Prellböcke an beiden Enden verhindern, dass die Wagen davonrollen können. Dort soll der Wagen endgültig stehen bleiben. Wie Blankenburger berichtet, sollen zum Bahnhofsfest am 1. September Schilder die Geschichte des besonderen Waggons erklären.
Jürgen Rammelt

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 2.9.02
Diesellokomotiven unter sich
Wenig Besucher und keine Dampflok beim 4. Rheinsberger Bahnhofsfest
RHEINSBERG. "Disziplin, Ordnung und Sicherheit - Aufgabe der Eisenbahner!" steht auf einem roten Schild am Bahnhofsgebäude. Und in Lindow hat jemand an eine Betonwand geschrieben: "Reisefreiheit für DDR-Bürger". Vor der Wand steht ein Volkspolizist neben seinem grün-weißen Wartburg und betrachtet die "Schmiererei".
(N)ostalgie in der aufgegebenen Halle der Berlin Chemie in Rheinsberg: Die komplette Eisenbahnstrecke von Herzberg (Mark) über Lindow und Rheinsberg bis Flecken Zechlin haben Modellbahn-Fans dort im Maßstab 1:87 aufgebaut, liebevoll bis ins Detail: Das Andreaskreuz an der Straße nach Schönberg blinkt wirklich, wenn ein Kohlenzug vorbeikommt. Ein alter Ikarus-Bus wartet artig. Ein alter Ikarus-Bus wartet artig. Der Fahrtzielanzeiger aus Holz auf dem Bahnhof Herzberg fehlt ebenso wenig wie der Rheinsberger Lokschuppen.
In der Realität wurde die Strecke nach Flecken Zechlin schon 1956 demontiert und den Lokschuppen hat längst die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof mit ihrer bahnhistorischen Ausstellung gefüllt.
Trotz des vierten Rheinsberger Bahnhofsfestes herrschte in der Ausstellung am Sonnabend kein Gedränge. So schlecht besucht war das Bahnhofsfest wohl noch nie. Lustlos dreht sich das Kinderkarussell für einen kleinen Jungen. Auf Zuckerwatte und gebrannte Mandeln hatte bei der Hitze niemand Lust. Auch die Lokomotiven standen recht verloren auf ihren Gleisen und selbst Dietger Spielhagen aus Gransee hatte wenig zu tun: "Ich kenne das nur so, dass sich die Leute fast prügeln, wer als Nächster mit meiner Draisine mitfahren darf." Der Sechssitzer erreicht mühelos 40 Stundenkilometer, doch auch das zog nur wenige Interessierte an. Allein vor den Würstchen-, Bier und Kuchenständen hielt sich eine kleine Menschenansammlung. Am Sonntag war der Bahnhof belebter, doch es fehlte die 52er-Dampflok. Wegen eines Defekts und der Waldbrand-Warnstufe 4 musste sie im Depot bleiben.
Für echte Kenner allerdings stand am Sonnabend etwas viel Selteneres auf dem Rheinsberger Gleis: der einzige noch existierende Diesellok-Prototyp der Baureihe V 160, 1961 gebaut bei Krupp in Essen – aber eben "nur" eine Diesellok. 90 Eisenbahnfreunde aus Lübeck waren damit am Sonnabend aus der Hansestadt nach Rheinsberg und abends wieder nach Hause gefahren. Die ursprünglich angekündigte V 200 kam nicht. Aus Neustrelitz waren Eisenbahnfans ebenfalls mit einem Museumsstück angereist: der ersten je gebauten 772er-"Ferkeltaxe", ganz in Rot natürlich.
Mutige konnten sich das Spektakel samt Rheinsberger Schloss für 2,50 Euro auch von oben betrachten: Aus einem Stahlkorb am Haken eines Krans – gehalten von einem 16 Millimeter dünnen Stahlseil. In 60 Metern Höhe.
Christian Kranz