Presseartikel 2001
MAZ (Ruppiner Tageblatt), 22.1.01
Mehr Dampf für Rheinsberg
RHEINSBERG. Der Vorstand des Wirtschaftsförderungsverein hat am Freitagabend die vier Aufgaben festgelegt, um die er sich vorrangig kümmern will. Dazu gehört nach Angaben des Vorsitzenden Christian Carstens die Unterstützung der Dampfzugverbindungen zwischen Berlin und Rheinsberg. Außerdem soll die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof unterstützt werden im Hinblick auf den Erwerb des Ausstellungsraumes, den Lokomotivschuppen und die Gleisanschlüsse. Dafür habe Jürgen Graf 2800 Mark von Berliner Spendern übergeben. Weiterhin will der Wirtschaftsförderungsverein sich um den zügigen Bau des Musikpavillons und die Restaurierung des Leuchtturmes bemühen. Eine weitere Zersplitterung der Aufgaben soll es nicht geben, da die genannten Projekte schon sehr umfangreich seien.

Ruppiner Anzeiger, 10.3.01
Rheinsbergs Bahnhof im Angebot
Arbeitsgemeinschaft will Traum vom lebendigen Museum verwirklichen
RHEINSBERG. Der Traum vom lebendigen Rheinsberger Bahn-Museum scheint realisierbar. Gestern erhielt der Rheinsberger Christian Carstens den lange erhofften Anruf. Darin teilte die Zentrale der Deutschen Bahn AG in Frankfurt/Main dem Finanzvorstand der Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof mit, dass sie den Bahnhof samt Gleisen verkaufen will. Carstens: "Es wurde ein durchaus vertretbarer Preis genannt." Noch verhinderbar sei der von der Bahn AG angekündigte Abbau einer Weiche auf dem Areal. Ohne diese wäre der beliebte Dampfzug-Verkehr nach Berlin kaum noch möglich. Auch die Schwierigkeit, dass die Bahn AG kein Geld mehr für die Dampfzug-Touren gibt, sei überwindbar. Verhandlungen mit einer privaten Bahngesellschaft aus Ganzlin liefen.
Holger Rudolph
Ruppiner Anzeiger, 10.3.01
Angebot nach Laufpass
Bahn AG finanziert Dampfzug-Touren nicht mehr mit / Bahnhof günstig zu kaufen
RHEINSBERG. Noch Donnerstagabend sah es so aus, als ob sich Rheinsberg von den beliebten Dampfzug-Touren verabschieden muss. Gestern Mittag wendete sich das Blatt. Die Deutsche Bahn AG bietet den Bahnhof günstig zum Verkauf an. Der Traum vom Museum kann in Erfüllung gehen.
Kurz vor 12 Uhr erhielt der Rheinsberger Christian Carstens den entscheidenden Anruf. Die Zentrale der Deutschen Bahn AG in Frankfurt/Main teilte mit, dass der Verein Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof (Gemeinschaft) das Bahnhofsgebäude samt Gleisanlagen zu einem günstigen Preis kaufen kann. Damit geht für die Gemeinschaft – vorausgesetzt ihr Vorstand stimmt auf seiner kommenden Sitzung zu – ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Die Rheinsberger Bahnfreunde wollen den gut hundertjährigen Sackbahnhof als Technisches Denkmal erhalten und ihn nach und nach zum lebendigen Museum ausbauen. Und auch die Dampfzug-Fahrten soll es weiterhin geben. Neuer Mitbetreiber könnte nach Auskunft von AG-Finanz-Vorstand Carstens die "Hei Na Ganzlin" sein, ein staatlich zugelassenes Privatbahn-Unternehmen. 18 Stunden zuvor sah es noch schlecht aus: Bis Ende vergangenen Jahres hatte sich die Deutsche Bahn AG noch mit ihrer Tochter DB Regio an den Dampfzug-Touren zwischen Rheinsberg und Berlin finanziell beteiligt. Der Rheinsberger Wirtschaftsförder-Verein WIR schoss pro Tour l 000 Mark zu. Vom Kohlezuschlag (fünf Mark pro Erwachsenen) abgesehen, berechnete die Bahn AG den normalen Fahrpreis. Doch für 2001 entmutigte Bahn-Sprecher Gunnar Meyer: "Dampflok-Fahrten unter Beteiligung der DB Regio wird es in diesem Jahr nicht mehr geben." Als Grund nannte er den für Anfang April vorgesehenen Ausbau einer Weiche auf dem Bahnhof. Weil marode, müsse sie erneuert werden. Doch die Deutsche Bahn benötigt für den normalen Zugverkehr keine zweite Weiche. Also sollte diese durch ein einfaches Schienenstück ersetzt werden. Die Dampflok aber muss im Sackbahnhof zum anderen Ende des Zuges gefahren werden. Eine zweite Weiche ist unerlässlich. Andernfalls müsste die Lok den Zug bis Herzberg schieben und dort umgespannt werden. Für die Deutsche Bahn ist die Prozedur zu aufwändig, ebenso der Ersatz der Weiche durch eine neue. Carstens will trotzdem einen Weg finden, die Weiche zu erhalten. Meyer schlug vor, dass die Rheinsberger den Zug in Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Bahn-Traditionsverein betreiben könnten. Allerdings müssten die Fahrpreise neu kalkuliert werden. Üblicherweise sind Traditionszug- Fahrten, die sich zuerst an Bahnfans richten, viel teurer als Touristen-Touren. Der Ganzliner Anbieter ist nach Carstens Meinung günstiger.
Holger Rudolph

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 15.3.01
Verein liebäugelt mit Bahnhofskauf
Rheinsberger Eisenbahnfreunden liegt ein Angebot der Deutschen Bahn AG für Lokschuppen und Gleise vor
RHEINSBERG. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft "Rheinsberger Bahnhof" dürfen sich freuen. Seit wenigen Tagen liegt ein Angebot der Deutschen Bahn AG vor, dass der Verein große Teile des Bahnhofes einschließlich der dazugehörigen Gleisanlagen, der Lokschuppen und des Kohlekrans kaufen kann. Damit könnte ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Der über 30 Mitglieder zählende Verein möchte den Bahnhof als lebendiges Denkmal erhalten und ihn zu einem Museum ausbauen. Im alten Lokschuppen haben die ehemaligen Eisenbahner und Freunde des Vereins bereits eine große Zahl von Geräten, Werkzeugen und sonstigen Bahnutensilien zusammengetragen, die zu den Bahnhofsfesten und bei anderen Anlässen bereits der Öffentlichkeit gezeigt wurden. Laut Christian Carstens, der für den erkrankten Vereinsvorsitzenden Volkmar Hilbert die Vereinsgeschäfte erledigt, ist das Angebot der Bahn durchaus akzeptabel. Die Summe möchte er jedoch vorerst nicht nennen. "Für die rund 8000 Quadratmeter wird ein fünfstelliger Betrag verlangt, den der Verein sicher aufbringen kann", meint Carstens, der sich in geschäftlichen Dingen bestens auskennt. "Der Verein hat bereits eine ansehnliche Summe angespart, die ausreichen würde, um einen Kredit zu bedienen, den der Verein wahrscheinlich für den Kauf aufnehmen müsste. Obwohl Carstens der Bahn bereits mitgeteilt hat, dass das Kaufinteresse groß ist, wollen die Vereinsmitglieder auf einer Sitzung am 20. April über das Angebot entscheiden. Im Gespräch ging es auch um das Bahnhofsgebäude, das hauptsächlich vom Heimat- und vom Verkehrsverein genutzt wird. Was damit wird, ist noch nicht entschieden. Carstens könnte sich jedoch einen langfristigen Pachtvertrag vorstellen. Was die besonders bei den Berlinern geschätzten Dampflokfahrten betrifft, hatte die Deutsche Bahn eine weniger gute Nachricht parat. In einem von Regio-Bereichsleiter der Bahn Karl-Heinz Friedrich unterzeichneten Schreiben wird Carstens mitgeteilt, dass die Regio Gruppe der Bahn nur noch die Gleise l und 2 für den Regionalexpress behalten will. Die Vorhaltung des Gleises 3 sowie der notwendigen Weichen, die für das Umsetzen der Dampflok benötigt werden, würden im Jahr eine fünfstellige Summe kosten. Die Bahn möchte das Geld daher nicht mehr aufbringen, weil das Gleis auch für den normalen Triebwagenbetrieb nicht mehr benötigt wird. Außerdem stünden laut Friedrich die Reisezugwagen nicht mehr zur Verfügung, weil sie "ausgedient" hätten. Als ein weiters Problem nannte Carstens eine Weiche, die durch die Bahn im April abgebaut werden soll. Da sie von der DB Regio nicht mehr benötigt wird, soll sie durch ein einfaches Schienenstück ersetzt werden. Dies hätte jedoch zur Folge, dass die Dampfloks nicht mehr umgesetzt werden könnten und die Lok den Zug bis Herzberg schieben müsste. Eine zweite Weiche sei daher unerlässlich. Für die Deutsche Bahn ist die Sache jedoch zu aufwändig und ein Ersatz zu teuer. Carstens will trotzdem mit Hilfe der Eisenbahner eine Lösung finden. Da der "Verein Traditionszug Berlin", das Verkehrsmuseum Nürnberg sowie der "Verein Dampflokfreunde Berlin" an der Fortsetzung der nunmehr bereits traditionellen Dampflokfahrten interessiert ist, wird vorgeschlagen, mit diesen Partnern zu verhandeln. Dies möchte Carstens demnächst auch tun. Allerdings müssten die Konditionen, die Fahrpreise und die konkrete Durchführung dieser Fahrten neu kalkuliert werden. Partner der Rheinsberger könnte zum Beispiel die "Hei Na Ganzlin" werden, ein Verein, der in Potsdam eine Dampflok zu stehen hat. Carstens meint, dass sie kostengünstiger sein könnte. In der Vergangenheit hatte der Wirtschaftsförderverein WiR pro Dampflokfahrt 1000 Mark zugesteuert, damit die Züge überhaupt fahren konnten. Laut Christian Carstens war das nur möglich, weil das Vereinsmitglied Jürgen Graf bei der Beschaffung des Geldes geholfen hat. Auch in diesem Jahr waren fünf bis sieben Dampfzüge geplant. Außer zu Ostern und Pfingsten sollten zum 3. Bahnhofsfest am l. und 2. September, zum Töpfermarkt am 14. Oktober sowie am l. Adventssonntag ein Dampfzug verkehren. Was davon realisiert wird, dazu will sich Carstens erst nach den Verhandlungen äußern.
JÜRGEN RAMMELT

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 22.3.01
Kauf noch nicht zugestimmt
Rheinsberger Eisenbahnfreunde wollen erst die Nebenkosten errechnen
RHEINSBERG. Der Verein "Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof" könnte bald in seinen eigenen vier Wänden sitzen. Die DB-Immobiliengesellschaft in Frankfurt hat dem Eisenbahnerverein jetzt den "Anerkennungspreis" von 50 000 Mark für ein Grundstück am Rheinsberger Bahnhof bestätigt. Auf dem 7 900 Quadratmeter großen Areal liegt auch der Lokschuppen. In den ist der Verein mit seinem Museum eingezogen, ohne einen Mietvertrag zu haben. "Wir haben so getan, als ob wir da zu Hause sind", sagte der Kreistagsabgeordnete Christian Carstens bei einer Sitzung des Vereins am Dienstagabend. Wenn es einen Interessenten für das Grundstück gebe, fliege der Verein raus. Carstens: "Dann ist das Ding irgendwann weg und die Arbeit für die Katz' gewesen." Deshalb hatte Vorstandmitglied Carstens alle Hebel in Bewegung gesetzt, bis Bahnchef Hartmut Mehdorn grünes Licht für den Verkauf gab. "Ich halte das für eine Sensation", sagte Carstens. Die Mitglieder indes hatten trotz Carstens Argumente Bedenken. Sie befürchteten, dass sie die laufenden Kosten – Grundstückssteuer, Versicherung, Vermessung, Kosten für Strom und Wasser – nicht aufbringen können. Sie entschieden: Bevor der Vertrag unterzeichnet wird, müssen die zusätzlichen Kosten errechnet werden. Dann erst wird über den Kauf abgestimmt. Carstens will eine Steuerbefreiung erwirken. Per Eilantrag wird er dieses Anliegen in der nächsten Stadtverordnetenversammlung am 28. März vorbringen.
Außerdem will Carstens "Anträge an Gott und Teufel stellen", um das Geld zusammenzubekommen. Geld braucht der Verein auch für die diesjährigen Dampflokfahrten. "DB-Regio ist nicht mehr in der Lage die Waggons zu stellen und die Trassenkosten zu tragen", sagte Carstens. Deshalb sei der Verein auf private Anbieter angewiesen. Der Vorsitzende des Vereins "Berliner Dampflokfreunde", dessen Lokomotive bisher meist für die Fahrten eingespannt wurde, schätzte die Kosten pro Fahrt auf 10 000 bis 12 000 Mark. Er hatte als Gast an der Sitzung teilgenommen. Bei einer durchschnittlichen Fahrgastzahl von 150 Gästen müsste für ein Ticket mehr als 60 Mark verlangt werden, um die Kosten zu decken. "Das zahlt niemand", waren sich die Mitglieder einig. Carstens will deshalb einen Teil der Kosten durch Spenden hereinbekommen. Er ist optimistisch, dass es auch in diesem Jahr Dampflokfahrten von Berlin nach Rheinsberg geben wird.
MELANIE KATZENBERGER

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 5.4.01
Eisenbahner sind einen Schritt weiter
RHEINSBERG. Die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof e.V. ist einen riesigen Schritt weiter, was den Kauf von Teilen des Bahnhofs betrifft. Christian Carstens, der für den erkrankten Vereinsvorsitzenden Volkmar Hilbert die Geschäfte regelt, konnte gestern vermelden, dass seine Verhandlungen mit der Deutschen Bahn AG und der Stadt einen guten Verlauf nehmen. So wird vorerst die für den Dampfzug benötigte Weiche nicht abgebaut und nach einer Lösung gesucht, wie diese kostengünstig ersetzt oder repariert werden kann. "Selbst was die Finanzierung des Vorhabens angeht, stehen die Chancen nicht schlecht", meinte Carstens. Für Steuern und Vermessungskosten gäbe es vertretbare Angebote.

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 28.4.01
Trauer um Vorsitzenden
RHEINSBERG. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft "Rheinsberger Bahnhof" e. V. trauern um ihren Vorsitzenden Volkmar Hilbert. Auf der jüngsten Stadtverordnetenversammlung würdigte Christian Carstens die Verdienste Hilberts um den Rheinsberger Bahnhof, der zu einem Museum ausgebaut wird. Der an einem Krebsleiden Verstorbene sei der Kopf des Ganzen gewesen. Es wäre sein letzter Wunsch, dass statt Blumen am Grab für den Fortbestand des Vereins gespendet wird.

MAZ, 10.5.01
Raus aus Rheinsberg
Höfliche Castor-Gegner feiern aufgelöste Sitzblockade als einen Sieg gegen die Atomkraft
RHEINSBERG. Auf so 'ne Idee wie der Ingenieur Bernd aus Uelzen wär' der Werner von der "Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof e.V." im Leben nicht gekommen – sich aufs Bahngleis zu hocken, wenn der Castor zum Bestimmungsort muss. "Ich hätt' ja'n Vogel", lacht der 62-jährige Bahnfreund aus Rheinsberg. Klar hat er alles mitgemacht. "Ich hab auch schon mal gedient da unten im Kernkraftwerk – hat Spaß gemacht". Schon wegen der Bananen und der bulgarischen Wurst, die's im Werkskonsum 'gab, manchmal sogar für Eisenbahner und nicht nur für das elitäre Kraftwerkspersonal, das sich regelmäßig beklagte, wenn die Waggons, die die Belegschaft von Rheinsberg zum Kernkraftwerk transportierten, morgens noch nicht richtig geheizt waren. Aber jetzt, sagt Kernkraftfreund Werner, "ist das Ding nun mal weg. Es hat seine Jahre gebracht, so: Dann geht's schlafen." Außerdem, pflichtet Werners Kumpel Udo bei, gebe es so was wie "gesunden Egoismus". In diesem Fall natürlich nicht für Greifswalder, aber für Rheinsberger, und das ist entscheidend. "Dit Aufruhr, wat da jetzt existiert", hebt Werner die Stimme und schüttelt den Kopf, "dit is' alles nur durch den ganzen Zusammenschluss" – wie auch Bernd, der junge Ingenieur aus Uelzen in Niedersachsen. Der Tag gestern hätte für Bernd kaum besser beginnen können: erst Camping am See bei Wustrau, dann Personalienfeststellung durch die Polizei, jedoch keine Festnahme, auch kein Platzverweis. Später, zwischen ein und drei Uhr, Aufbruch in die Dunkelheit. Zuerst Verfolgung durch die Polizei. "Die haben wir aber dann abgehängt", berichtet Bernd. Mit seinen Anti-Castor-Freunden aus allen Teilen (West-) Deutschlands ist er kreuz und quer durchs Ruppiner Land gefahren, zunächst ohne festes Ziel, wie er sagt. Kurz hinter Herzberg haben sie sich dann im Wald versteckt und gewartet. Gegen sechs Uhr sind die 25 Demonstranten schließlich aus ihrer Deckung gekrochen und zu den Gleisen gewandert. Wie auf einem Präsentierteller, über ein Feld, eine Bundesstraße, wieder über ein Feld. Entfernung bis zur Bahnstrecke: knapp zwei Kilometer. In unmittelbarer Nähe: Hunderte von Polizisten, Dutzende von grünen Autos, Mannschaftswagen, Wasserwerfer. "Wir sind einfach gegangen, nicht gelaufen", sagt Bernd. Das Häuflein Castor-Gegner hat sich auch nicht beirren lassen, als ihnen ein Beamter aus einem vorbeifahrenden Wagen zurief, sie sollten anhalten. "Wir sind einfach weiter." Nach knapp 25 Minuten, gegen 6.30Uhr, saßen Bernd und seine Gesinnungsfreunde auf den Gleisen, über die wenig später der 530 Meter lange Zug mit den vier Castorbehältern und den 246 abgebrannten Kernbrennstäben nach Greifswald rollen sollte. Diese eine friedliche Sitzblockade auf den Gleisen bei Grieben zwischen Herz- und Löwenberg war gestern das herausragende Ereignis der Anti-Castor-Bewegung in der Mark. "Wir haben uns gewundert, dass uns das gelang", sagt Bernd, "ich bin stolz, dass wir das geschafft haben." Man habe "lediglich ein Zeichen setzen wollen, dass wir mit einer ganz einfachen, friedlichen Aktion auf die Schienen kommen können – trotz eines riesigen Polizeiaufgebots." Bernd wendet sich zu seinen Gesinnungsfreunden, die, eingekreist von einer Übermacht grün uniformierter Bundesgrenzschutzbeamter, auf den Abtransport in die Gefangenensammelstelle nach Neuruppin warten. Das ist der Preis der Sitzblockade innerhalb der vom Oranienburger Polizeipräsidenten Peter Kirmße verfügten Bannmeile entlang der Bahnschienen. Während Ingenieur Bernd aus Uelzen das Vorgehen der Polizisten gegen die Sitzblockierer als "in Ordnung" lobt, schimpft ein einzelner Demonstrant: "Ein Polizist hat mich grob behandelt und mir Schmerzen zugefügt!" Ein Polizeisprecher auf dem Feld vor den Schienen verspricht, den Fall zu klären, und würdigt, allgemein gesprochen, die "Kooperation" der Anti-Castor-Demonstranten. Man ist reichlich höflich zu einander. Dass sich angeblich fünf militante Castor-Gegner aus der Potsdamer Hausbesetzer-Szene der Stadt Gransee nähern, um die elektrischen Oberleitungen der Bahn mit Hakenkrallen zu beschädigen, stellt sich schließlich als Gerücht heraus. Gegen 7.50 passiert der Castor-Zug gefahrlos die Stelle zwischen Herzberg und Grieben, von der zuvor die Sitzblockierer widerstandslos von den Schienen getragen worden sind. Um 9.15 Uhr überquert der Zug mit den vier je 120 Tonnen schweren Castoren die Grenze zu Mecklenburg. In Rheinsberg kann das 1990 abgeschaltete Kernkraftwerk nun zurückgebaut werden. 2009 soll, wo jetzt Beton ist, wieder Wiese wachsen.
FRANK SCHAUKA

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 16.6.01
Neuer Vorsitzender
RHEINSBERG. Udo Blankenburger ist der neue 1. Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof. Der Berufs- und Hobbyeisenbahner tritt die Nachfolge des vor kurzem verstorbenen Volkmar Hilbert an. Seit der Vereinsgründung gehört der Rheinsberger dem Verein an. Ein weiteres Thema der Versammlung in dieser Woche war die Vorbereitung des diesjährigen Bahnhoffestes am l. und 2. September. Aus diesem Anlass wird erneut ein Dampfzug erwartet und es sind Fahrten zum Stechlinsee geplant. Ein buntes Rahmenprogramm soll für kurzweilige Unterhaltung sorgen.

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 28.8.01
Dritte Auflage vom Bahnhofsfest
Historischer Dampfzug kommt
RHEINSBERG. Die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof e.V. und der Rheinsberger Verkehrsverein laden am kommenden Wochenende zum Bahnhofsfest ein. Jeweils am Sonnabend und Sonntag können die Besucher von 10 bis 17 Uhr zahlreiche Ausstellungen besuchen, an Vorträgen teilnehmen und sich über die Arbeit des Eisenbahnervereins informieren. Einer der Höhepunkte des Festes dürfte zweifelsohne das Eintreffen des Berliner Traditionszuges am Sonntagvormittag sein. Der Zug, der 8.54 Uhr in Berlin-Charlottenburg startet und nach einem kurzen Halt in Berlin-Spandau (9.07 Uhr) gegen 11.40 Uhr in Rheinsberg eintrifft, wird von einer 52er-Schnellzug-Dampflokomotive gezogen. Außerdem führt der Zug Reisewaggons mit 4.-, 3.- und 2.-Klasse-Abteilen mit, die für Eisenbahnfans von besonderem Interesse sein dürften. Und wer mal einer richtigen Dampflokomotive ins Feuerloch schauen möchte, kann das bei einer Führerstandsfahrt.
Auf dem Programm stehen auch Pendelfahrten mit dem mit Rapsöl betriebenen Schienenbus der "Prignitz-Bahn" zum Bahnhof "Stechlinsee". Beginnend um 10.10 Uhr stehen am Sonnabend neun Fahrten auf dem Fahrplan und am Sonntag fünf. Die jeweils 22 Minuten dauernde Fahrt führt Richtung des Bahnhofes am stillgelegten Kernkraftwerk, wo der Schienenbus zehn Minuten halten wird und dann die Rückfahrt antritt.
Das Rheinsberger Bahnhofsfest entwickelt sich langsam zu einer Tradition. Nachdem aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der Bahnstrecke Löwenberg-Rheinsberg das Fest im Jahre 1999 aus der Taufe gehoben wurde, erlebt es in diesem Jahr seine dritte Auflage. Beteiligt an der Organisation des zweitägigen Spektakels rund um den Rheinsberger Bahnhof sind vor allem die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft, die von den Mitarbeitern des Verkehrsvereins unterstützt werden. Dabei lassen die Organisatoren nicht unerwähnt, dass sich die Finanzierung des Festes nicht einfach gestaltet. Was die Ausstellungen betrifft, handelt es sich um die umfangreiche Sammlung des Eisenbahnervereins, die im ehemaligen Lokschuppen Platz gefunden hat, um eine Oldtimer-Ausstellung, die nur am Sonnabend zu besichtigen ist, und um Feuerwehrtechnik. Außerdem gibt es Draisinenfahrten sowie Informations- und Souvenirstände. Ebenfalls wird ans leibliche Wohl sowie an die jüngsten Festbesucher gedacht. Es gibt Kinderspiele, Basteln, Schminken, eine Mini-Eisenbahn, Reiten und Kutschfahrten.
Jürgen Rammelt

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 3.9.01
Drei Esslöffel Kohle
Eisenbahnausstellungen und Traditionszug beim dritten Bahnhofsfest
RHEINSBERG. Alle zehn Minuten musste Frank Oltersdorf nachfüllen: Drei Esslöffel Kohle genügten, dann hatte seine Minidampfeisenbahn wieder Kraft für die nächsten drei Runden. Oltersdorf setzte sich seine Lokführermütze auf den Kopf, half den Kindern beim Einsteigen und der etwa 50 Zentimeter hohe Zug setzte sich in Bewegung.
Beim dritten Bahnhofsfest am Wochenende in Rheinsberg hatten nicht nur die jungen Besucher ihren Spaß, auch für die Älteren gab es viel zu entdecken: In zwei Ausstellungen konnten sie sich alte Stellwerke, Schilder und Arbeitsgeräte aus der Zeit der DDR-Reichsbahn anschauen. Auch über die Geschichte des Bahnhofs Rheinsberg und über die Plutonium-Transporte zum inzwischen stillgelegten Kernkraftwerk der Stadt erhielten die Besucher Informationen.
Joachim Lubinski, ehemaliger Lokführer aus Wittstock, war begeistert. "Die Ausstellungen sind was für Nostalgiker", urteilte er, " für gestandene Eisenbahner ist das wirklich spannend." Besucher, die sich weniger für die technischen Details der alten Reichseisenbahnen interessierten, kamen dafür bei der Draisinenfahrt auf ihre Kosten: Mit dem alten Schienenfahrzeug konnten sie ein paar hundert Meter die Gleise entlangfahren, auch wenn so manchem danach der Rücken schmerzte.
"Wir wollen aus dem Bahnhofsfest eine Tradition machen", sagte Udo Blankenburger, erster Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof, die das Fest gemeinsam mit dem Heimatverein Rheinsberger Seenkette ausrichtete. "Das tut auch dem Tourismus in Rheinsberg gut."
Mit etwa 300 Besuchern am Sonnabend waren die Veranstalter nicht zufrieden, doch gestern kamen rund 500 Interessierte zum Bahnhof. Die konnten ein Stück Eisenbahngeschichte live erleben: Pünktlich um 11.40 Uhr lief eine Dampflok aus den 40er Jahren in Rheinsberg ein. Die Traditionslok mit alten Holzpritschen ließ die Herzen erfahrener Eisenbahner höher schlagen. "Eine 52er Dampflok war der Ferrari unter den Eisenbahnen", schwärmte Udo Balte aus Berlin.
DENNIS KREMER

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 4.10.01
Eisenbahner aus Leidenschaft
Lokschuppen dient als Vereinssitz
RHEINSBERG. "Eisenbahner bin ich von der Pike auf", erklärt Udo Blankenburger. Der Rheinsberger kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Deshalb gab es für ihn auch keine Frage, Mitglied im Verein Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof zu werden. Seit August 2001 ist er dessen 1. Vorsitzender. Udo Blankenburger trat die Nachfolge von Volkmar Hilbert an, der nach schwerer Krankheit im Frühsommer 2001 verstarb. "Er hat den Verein aufgebaut. Ihm haben wir sehr viel zu verdanken", ist Blankenburger seinem Vorgänger dankbar. "Eigentlich stamme ich aus der Gegend von Friedland", erklärt der gelernte Fahrzeugschlosser. Seine Berufsausbildung erhielt er im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Eberswalde. Später arbeitete er im Betriebswagenwerk Neustrelitz. Nach Rheinsberg kam er 1982 durch seine heutige Ehefrau. Sie war Rheinsbergerin und wollte aus der Stadt nicht wegziehen. Weil der tägliche Weg zur Arbeit mit der Zeit zu weit wurde, setzte sich Udo Blankenburger noch einmal auf die Schulbank. Als zweiten Beruf erwarb er den Facharbeiterbrief als Betriebs- und Verkehrsdienstleiter der Deutschen Reichsbahn. Von 1984 an bis 1990 war Udo Blankenburger dann in Rheinsberg beschäftigt. Unter anderem war der Eisenbahner als Zugführer auf den Strecken von Rheinsberg nach Neuruppin oder Löwenberg unterwegs. "Auch die Strecke vom Rheinsberger Bahnhof bis zum Kernkraftwerk kenne ich wie meine Westentasche", erklärt der Eisenbahner.
Seit die Züge zum stillgelegten Kernkraftwerk nicht mehr fahren, ist es auf dem Rheinsberger Bahnhof relativ ruhig geworden. Der Eisenbahn ist Udo Blankenburg dennoch erhalten geblieben. Als Kundenbetreuer im Nahverkehr (KIN) begleitet er die Fahrgäste auf den Strecken Rheinsherg-Berlin, Wittstock-Berlin und Wittstock-Wittenberge.
Jürgen Rammelt

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 7.12.01
Nikolaus überraschte Bahnverein
RHEINSBERG. "Die Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof wurde gestern vom Nikolaus überrascht. Dem Verein liegt ein Angebot über den Kauf eines alten Schienenfahrzeuges vor, das 400 Mark kosten soll. "Es handelt sich um einen so genannten Schienenkleinkraftwagen", erklärt der 2. Vorsitzende Holger Pfeifer. Da die Arbeitsgemeinschaft jedoch den Lokschuppen und Teile des Bahnhofes kaufen möchte, wird jede Mark dafür benötigt. Der WiR-Verein ist jetzt in die Bresche gesprungen. Rheinsbergs Ehrenbürger und WiR-Vorstandsmitglied Jürgen Graf weilte gestern in Rheinsberg und übergab für die Anschaffung und die Transportkosten 500 Mark. Eine schöne Geste, über die sich der Bahnverein riesig freut.

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 28.12.01
Spezialwaggon mit Tarnung
Kernkraftwerker übergeben Eisenbahnverein neues Ausstellungsstück
RHEINSBERG. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Rheinsberger Bahnhof e.V. können seit gestern auf ein neues Exponat in ihrer Sammlung verweisen: Es handelt sich dabei um den ausgedienten Containertransportzug, mit dem zu DDR-Zeiten die abgebrannten Brennstäbe aus dem Rheinsberger Kernkraftwerk in die Sowjetunion zurücktransportiert und neue angeliefert wurden. Aus Paderborn kommend, traf gestern Vormittag der Waggon auf dem Rheinsberger Bahnhof ein. Norbert Schöttle, zuständig im KKW für die Eisenbahn, übergab das Schienenfahrzeug an Walter Lange, Fred Zeuschner und Rudolf Moser vom Eisenbahnverein. Den Rheinsbergern ist der Waggon nicht unbekannt. Allerdings wussten die wenigsten, welche Aufgabe der Wagen mit den sonderbaren Aufbauten erfüllte. Mit Kühlrippen und Isolatoren versehen, ähnelte der Aufbau eher an einen fahrbaren Transformator. In Wirklichkeit handelte es sich um ein getarntes Spezialfahrzeug, mit dem die hochradioaktiven Brennstäbe in die damalige Sowjetunion zurückgebracht wurden.
Laut dem Rheinsberger Anlagenleiter Siegfried Schweitzer kam der den Energiewerken Nord gehörende Waggon nach der Wende nicht mehr zum Einsatz. Die noch in Rheinsberg verbliebenen abgebrannten Brennstäbe wurden in Castoren verpackt und im Mai dieses Jahres in das Zwischenlager für radioaktive Stoffe nach Greifswald gebracht (die MAZ berichtete).
Der einst aus einem Containerwagen sowie einem Geräte- und einem Mannschaftswagen bestehende Transportzug hatte noch einige Zeit auf dem Gelände des Rheinsberger Kernkraftwerkes gestanden. Es gab Überlegungen, ihn zu verschrotten. Doch schließlich kam die Idee, den Waggon der Rheinsberger Arbeitsgemeinschaft zu überlassen. In einem Spezialwerk in Paderborn wurde der Zug zerlegt, die verstrahlten Teile wurden entfernt. Wieder zusammengebaut geht von dem Waggon keine Gefahr mehr aus. Die strahlende Fracht wurde einst in einem Container aus Stahlguss, dessen Wandstärke 338 Millimeter betrug, befördert. Von dem Fahrzeug mit zwei Diesel- und zwei Benzinnotstromaggregaten, einer Werkstatt mit Hebezeug für Reparaturen auf offener Strecke, Ersatzrädern und einem Mannschaftsabteil für zwölf Personen ist nur noch die Hülle übrig geblieben.
Jürgen Rammelt