Presseartikel 1997
MAZ (Ruppiner Tageblatt), 26.6.1997
Hilbert ist Vorsitzender
Rheinsberg. (MAZ). Volkmar Hilbert ist Vorsitzender des Vereins zur Erhaltung des Rheinsberger Bahnhofs. Der Verein, der sich die touristische Nutzung des Bahnhofes zum Ziel stellt und den Fahrkartenverkauf wieder ankurbeln wi11, ist am Dienstag in Rheinsberg gegründet worden. Nachdem bereits am 6. Juni eine Beratung mit ehemaligen und noch aktiven Eisenbahnern stattgefunden hat, kam es jetzt zur Gründungversammlung. Dem neuen Verein gehören 19 Mitglieder an, von denen 17 anwesend waren. Neben Hilbert gibt es mit Holger Pfeifer eine zweiten Vorsitzenden. Zum Schatzmeister wurden Bert Fetzer, zur Schriftführerin Petra Matschke und zu Beisitzern Udo Blankenburger, Heinz Rensch und Christian Carstens gewählt.

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 31.7.1997
Warten auf "Pendolino"
An einem ganz unnormalen Abend auf dem Rheinsberger Bahnhof
Rheinsberg. Die beiden Damen auf dem Rheinsberger Bahnsteig haben keinen Blick für die Katze, die gerade im Loch der Streusandkiste verschwindet. Die Frauen im Kostüm, eine trägt Nadelstreifen, blicken zum Horizont, jeweils eine Hand über die Augen haltend. Die Sonne scheint ihnen auf den Rücken. In der anderen Hand hält jede Frau ein Handy. Als sie sich nach vergeblicher Ausschau wieder umdrehen, sind die blitzenden Schildchen am Revers zu sehen: "Adtranz" steht auf beiden. Ein doppeltes Empfangskomitee, entsandt von einem Rheinsberger Hotel? Aber in Rheinsberg gibt es kein Hotel, das "Adtranz" heißt. Nur ein "Atrium", aber warum sollte das falsch beschriftete Hostessen schicken? Ein Mann im dunklen Anzug, ebenfalls mit "Adtranz"-Schildchen und Handy ausgerüstet, geht zu den Frauen. "Ist noch nichts zu sehen", sagt die Dame im Nadelstreifenkostüm zu ihrem Kollegen. Wie nennt man eine männliche Hosteß? Hosteur? Die Männer und Frauen an den Tischen bei der Imbißluke beschäftigen sich mit anderen Fragen. Ein Mann mit Locken und Brille liest ein Papier vor, in dem Paragraphen und Wörter wie "Vereinszweck" und "Mitgliedschaft" vorkommen. Die anderen lauschen. Die Versammelten sehen nicht so aus, als seien sie zum Bahnhof gekommen, um jemanden abzuholen. Doch als die Nadelstreifendame aufgeregt ins Handy ruft, daß sie jetzt den Zug sieht und man doch die Gläser um Gottes willen füllen soll, bricht auch die gemütliche Runde beim Imbiß auf und begibt sich zur Bahnsteigkante. Der Mann mit der Brille holt einen Fotoapparat aus der Tasche und sprintet über die Schienen auf die andere Seite der Gleisanlagen. Auch er hat die Sonne im Rücken, aber ihn scheint sie nicht zu blenden: Er schaut ganz entspannt durch das Objektiv. Als der knallrote Zug mit den Fensterschildern "Premierenfahrt Oper ,Undine' " gehalten halt, springen lauter festlich angezogene Menschen aus den Türen. Die beiden aufgeregten Empfangsdamen führen sie zum Bahnhofsvorplatz zu den Bussen. Die Männer und Frauen, die noch vor wenigen Minuten dem Fotografen zugehört haben, bleiben bei dem Zug, schauen neugierig hinein. "Für die Kammeroper interessieren wir uns heute abend nicht", erzählt der Mann mit der Kamera. Er heißt Volkmar Hilbert, ist von Beruf selbst Lokführer und Vorsitzender des frisch gegründeten Vereins "Arbeitsgemeinschaft Bahnhof Rheinsberg". "Wir sind hier, um den Pendolino zu sehen." "Pendolino", so heißt der Zug, der auf den ersten Blick ganz normal aussieht. Hilbert erklärt, daß sich der Triebwagen gegen die Fliehkraft stemmt, wenn es durch die Kurven geht. "Je nach Kurve pendelt er mal nach links, mal nach rechts." Wo es andere Züge bei gleicher Geschwindigkeit längst aus den Gleisen hauen würde, schwingt "Pendolino" locker durch. Die Idee ist italienisch, gebaut wurde "Pendolino" aber in Hennigsdorf. "Von der Firma Adtranz", lüftet der Vereinsvorsitzende das Geheimnis um die Hostessenschildchen. "Die haben ihre Geschäftsfreunde eingeladen zu einer Fahrt von Berlin nach Rheinsberg zur Premiere der Kammeroper", erklärt er noch. Für die Eisenbahnfreunde ist der "Pendolino" wichtiger als alle Opern, denn der Pendelzug kommt vorerst nicht mehr nach Rheinsberg. "Der wird vorwiegend auf den kurvenreichen Mittelgebirgsstrecken eingesetzt", weiß Hilbert. Zwischen Berlin und Rheinsberg gebe es schließlich nur eine Kurve, in der "Pendolino" zeigen kann, wie beweglich er ist.
Steffen Kastner

MAZ (Ruppiner Tageblatt), 20.9.1997
Dampfloks gibt's auf Bestellung
Rheinsberger Attraktion kostet pro Fahrt 1000 Mark
Rheinsberg. An die Dampflokomotiven, die in regelmäßigen Abständen sonntags am Bahnhof halt machen und Dutzende aufgeregter Fahrgäste in die Stadt bringen, haben sich die Rheinsberger längst gewöhnt. Die Touristenattraktion ist für viele nichts Besonderes mehr. Auf Volkmar Hilbert trifft das aber nicht zu. Der Erste Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Bahnhof Rheinsberg e. V. i. G. ist nach wie vor begeistert, wenn die schnaufende Lok anrollt. Hilbert weiß, wieviel Arbeit nötig ist, um das schwarze Monstrum auf den Weg nach Rheinsberg zu bringen. Unter anderem braucht es einen "Besteller" – jemanden, der den Dampfzug bei der Deutschen Bahn AG in Auftrag gibt, denn die fährt nicht von sich aus auf der Strecke. Die Bestell-Aufgabe übernimmt der WiR e. V., der gemeinsam mit Hilbert dafür sorgt, daß die Bahn AG ihr Geld bekommt. 1000 Mark sind das für jede Fahrt. Lokführer und Heizer kommen vom Dampflokverein in Berlin und tun ihren Dienst unentgeltlich. Der Verein stellt auch seinen originalen Mitropa-Speisewagen zur Verfügung. Das alles sind für die echten Dampflokfans keine Probleme. Viel schwieriger ist es dagegen, eine Lok zu finden, die den Zug nach Rheinsberg ziehen kann. Im vergangenen Jahr war das eine Dampflokomotive aus der Baureihe 52, ein schwarzer Koloß mit Kohle-Tender, der eigentlich gar nicht für den Personenverkehr gebaut war. "Wir waren froh, daß wir sie hatten", sagt Volkmar Hilbert. Ideal ist aber die Lokomotive, die jetzt den Zug zieht: die Museumslokomotive BR 65 1049. Die Lok wurde 1956 im VEB Lokomotivbau "Karl Marx" Babelsberg gebaut und fuhr die größte Zeit ihres Maschinen-Lebens auf Gleisen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. 88 Stück der BR 65 verließen das Werk, schwärmt Volkmar Hilbert. Mit ihren 1100 Pferdestärken bringt sie es auf 90 Stundenkilometer. Ob im kommenden Jahr noch Dampfzüge nach Rheinsberg fahren, ist ungewiß. Nach Hilberts Worten gibt es noch keine verbindliche Zusage der Deutschen Bahn AG, der die Lok gehört. Morgen dagegen fährt das schnaufende Ungetüm mit Sicherheit noch einmal. Fahrplanmäßige Ankunftszeit: 11.16 Uhr auf dem Bahnhof in Rheinsberg.
Reyk Grunow